Atheismus und Kirchenaustritte in Polen

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Ein schon älterer Artikel über Kirchenaustritte in Polen – und die Bewegung “neuer Atheisten”. Interessant und sehr deutlich aus religiöser Perspektive geschrieben. Ein Beispiel:

Zudem ist, was die Nichtexistenz Gottes betrifft, die Beweisführung der “Neuen Atheisten” keineswegs so schlüssig, wie sie vorgeben. Die Tatsache, dass Dawkins in der erklärenden Beschreibung der Evolution ohne Gott auskommt, besagt noch nicht, dass es ihn nicht gibt. Seine Negativbehauptung stellt eine der vielen Grenzüberschreitungen dar, an denen der Jahrhunderte alte Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Theologie überaus reich ist – auf beiden Seiten. Dabei wiederholen sich die Argumente, so dass die Begründungen der “Neuen Atheisten” keineswegs so neu sind, wie sie glauben machen.

Auch in Polen kennt man offenbar die Teekanne von Bertrand Russel nicht. Es ist absolut üblich von Dingen, deren Existenz sich nicht beweisen lässt als nicht existent anzusehen, bis deren Existenz nachgewiesen wurde. Üblicherweise hält sich niemand damit auf, unglaubliches und gegen die bekannten Naturgesetze verstoßendes zu falsifizieren. Wir können davon ausgehen, dass sich auf der Rückseite des Mondes keine geheime Nazi-Basis mit Reichsflugscheiben befindet, die auf einen günstigen Zeitpunkt für die Übernahme der Welt wartet ohne dort jeden Quadratzentimeter abgesucht zu haben. Auch dass Noah von jeder “Art” Tier ein Paar auf seiner Arche hatte und alles Leben auf diesem Planeten von seiner kleinen Familie und diesem Zoo auf seinem Boot abstammt muss man nicht als “wahr” und auch nicht als “mögliche Variante” von Wahrheit ansehen, da sie außerordentlich abstrus ist. Wenn jemand diese Geschichte als “wörtlich wahr und authentisch” etablieren möchte, möge er bitte Beweise beibringen – ansonsten ist diese Geschichte ein Märchen oder aber eine in unkenntliche aufgeblähte Geschichte, bei der stille Post besonders arg zugeschlagen hat.

Auch die Systeme unter denen die Polen gelitten haben (und dass das der Fall war, daran darf kein Zweifel bestehen) werden als “gottlos” beschrieben:
“Schließlich haben wir im 20. Jahrhundert reichlich Erfahrungen mit zwei gottlosen Systemen gemacht und unter ihrer Inhumanität schwer gelitten – auch und vor allem die Polen.”  Das mit dem “gottlos” ist jedoch nur im übertragenen Sinne eindeutig der Fall. Beide Systeme bedienten sich umfassend kirchlicher Strukturen und können von kirchlicher Ethik nicht getrennt betrachtet werden. Ein Erklärungsmodell für diese totalitären Systeme verwendet daher auch den Ausdruck “politische Religion“. Im Nationalsozialismus wurden daher auch starke Bezüge zu krichlichen Traditionen erhalten und zunehmend vom System instrumentalisiert. So existierten wie im Christentum auch in den modernen Gewaltregimen “reine Lehren”, “Heilige Bücher” Ketzer und Ketzergerichte, strafbewehrte Sorge für “Glaube” und “Sitte”, Häresie und Inquisition, Dissidenten und Renegaten, Apostaten und Proselyten.” Auch das Bild der Apokalypse findet sich wieder. So schrieb ein Deutscher Soldat 1944 an seine Familie :

“Mögen auch Städte in Asche sinken,
wenn Gott auf ihren Trümmern seine Kirche errichtet,
dann ist doch diese Zeit sogar eine fruchtbare gewesen.”

Nicht zuletzt gilt Hitler als direkt von Martin Luthers Antisemitismus beeinflusst, auf den er sich auch direkt bezog. Die Systeme mögen heute als “nicht vereinbar mit christlichen Grundwerten” beurteilt werden. Gerade der Nationalsozialismus fiel jedoch auf ideologisch von den Kirchen strukturell gut vorbereiteten Boden. Das darf man nicht aus den Augen verlieren.


Aktivisten in Polen halten “Tage des Atheismus” ab.

Den Warschauer “Tagen des Atheismus” gingen bereits ähnliche Kundgebungen voraus. So zogen im Oktober 2009 rund 500 bekennende Ungläubige durch Krakau, vorbei am Amtssitz des früheren Metropoliten Karol Wojtyła, dem späteren Papst Johannes Paul II., der diese Stadt in besonderer Weise katholisch geprägt hat. Inzwischen gibt es derlei Märsche in den verschiedensten polnischen Städten. Auf Transparenten finden sich Losungen wie “Weder Gott noch Herr”, “Weltliches Europa, weltliches Polen” oder “Ich töte nicht, ich stehle nicht, ich bin kein Ehebrecher, ich glaube nicht” – ein Bekenntnis zu den sittlichen Werten, die nach Auffassung der Atheisten keiner Religion bedürfen. Besonders dieses Motto füllt – neben anderen Sprüchen – gegenwärtig großflächige Plakatwände. Initiator ist die Stiftung “Freiheit von der Religion” (Wolność od religii)

Zudem gibt es Aufrufe im Internet, sich als Atheist zu outen. So kann man sich auf einer Liste eintragen, die dazu drei Rubriken vorsieht: Atheist, Agnostiker oder Ungläubiger. Diese Liste weist inzwischen über 20.000 Namen von Personen auf, die auf diese Weise ihre Abwendung von Kirche und Glaube bekunden. Doch in den Augen der Kirche handelt es sich hierbei noch nicht um Fälle von Apostasie. Weil es in Polen nicht, wie in der Bundesrepublik Deutschland, eine zwischen Staat und Kirche vereinbarte Kirchensteuer gibt, die gleich vom Gehalt einbehalten wird, kann dort ein Kirchenaustritt nicht an die Weigerung gekoppelt werden, Kirchensteuer zu zahlen. Polens Kirche besteht vielmehr darauf, dass ein Kirchenaustritt vor dem Pfarrer der zuständigen Gemeinde persönlich erklärt wird, ein Verfahren, zu dem sich nur wenige Austrittswillige bereitfinden. Damit bilden weder die Internet-Liste noch kirchliche Daten eine verlässliche Grundlage für eine Bestimmung der Anzahl polnischer Atheisten und ihrer Motive.

Der gesamte Artikel findet sich bei der Bundeszentrale für politische Bildung

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